CONNECTED MOBILITY
Entspannt und produktiv unterwegs

Ein von Bosch zum Versuchsträger umgebautes Tesla Model S gehört zu den wenigen selbstfahrenden Autos, die in Deutschland auf der Autobahn unterwegs sein dürfen. Der Projektleiter Michael Fausten wagt auf Basis seiner bisherigen Erfahrungen einen Ausblick auf die Fahrkultur von morgen.

Interview
mit Michael Fausten, Vice President Vehicle Systems
Engineering and Automated Driving

„Wir wollen das automatisierte Fahren
für alle Antriebsarten.“

Herr Fausten, seit wann gibt es den Wunsch nach automatisiertem Fahren?

Der ist schon fast so alt wie das Auto selbst. Eine konkrete Vision hat der Science-Fiction-Autor und Zukunftsforscher Arthur C. Clarke in den 60er Jahren entwickelt. In seinem Buch „Profiles of the Future“ beschreibt er Autos, die ihren Weg selber suchen, die wissen, welche Route am schnellsten ist und wo es sich staut. In den Zukunftsprogrammen von General Motors tauchte das automatisierte Fahren ebenfalls in den 60er Jahren auf. In den 80ern rüstete Mercedes zu diesem Zweck einen Bus um und packte Schränke voller Elektronik hinein. Damals hieß es, in 30 Jahren sei es so weit. 

Bosch hat ja bereits 1993 mit einem Forschungsprojekt gezeigt, dass automatisiertes Fahren technisch machbar ist. Nun sitzen Sie in einem Tesla-Versuchsfahrzeug, in dem die gesamte Elektronik unter dem Kofferraum Platz hat, und könnten auf der Autobahn ein Nickerchen machen. In fünf Jahren soll automatisiertes Fahren auf der Autobahn serienreif sein. Was sind die Treiber für die Entwicklung? 

Die Umfeldsensorik ist bezahlbar geworden, dank des technischen Fortschritts und weil viel mehr Menschen danach fragen. Als wir im Jahr 2000 die adaptive Abstands- und Geschwindigkeitsregelung ACC auf den Markt brachten, war nicht einmal ein Prozent der Kunden bereit, dafür einen Aufpreis zu bezahlen, auch weil es kaum Erfahrungswerte gab. 

Diese Werte haben wir heute für automatisiertes Fahren auch noch nicht, und doch sind mehr als die Hälfte der Autokäufer dafür aufgeschlossen – sofern das System abschaltbar ist. Laut einer US-Studie wären 20 Prozent auch bereit, dafür 3 000 bis 4 000 US-Dollar mehr zu bezahlen.

FAHRERASSISTENZ
1 Mrd.
Fahrerassistenz ist ein stark wachsendes Geschäftsfeld, das 2016 erstmals die Umsatzmarke von einer Milliarde Euro übertrifft. Allein der Absatz von Radarsensoren legt dieses Jahr um 60 Prozent zu, der von Videosensoren um 80 Prozent. 

Worin besteht der größte gesellschaftliche Nutzen dieser neuen Fahrkultur?

Beim automatisierten Fahren kommt der Slogan „Technik fürs Leben“ voll zur Geltung: Wir vermeiden Staus, denn automatisierte Fahrzeuge starren nicht neugierig auf am Straßenrand liegen gebliebene Fahrzeuge. Sie wechseln auch nicht ständig die Spur, um schneller zu sein als andere. Wir sparen Zeit und Energie, die wir produktiv nutzen können. Wir sparen Kraftstoff, und zwar bis zu 40 Prozent, wenn alle automatisiert und im Windschatten des Vordermanns fahren können. Wir sorgen dafür, dass ältere Menschen weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Im Jahr 2050 werden 25 Prozent der Bevölkerung in Europa 65 Jahre oder älter sein, in Deutschland wird der Anteil auf mehr als 30 Prozent steigen. Und ein immens wichtiger Aspekt: Wir erhöhen die Sicherheit – 90 Prozent aller Unfälle sind durch menschliche Fehler verursacht.  

Welche Zielgruppen wollen Sie als Erstes adressieren? 

Wir werden mit Fahrzeugen der Oberklasse beginnen und für diese neben der autonomen Autobahnfahrt auch automatisiertes Parken anbieten – die ersten Parkhäuser werden bereits mit der entsprechenden Technik ausgerüstet. Die zweite Zielgruppe sind die Lkw, die künftig auf Logistikhöfen selbstständig rangieren können. Außerdem adressieren wir die sogenannten Pods, also diese Kleinfahrzeuge, die Google derzeit in Kalifornien ohne Fahrer auf die Straßen schickt. Diese unbemannten Autos wird man, so die Vision, eines Tages wie ein Taxi rufen können.

VERKEHRSSICHERHEIT
90 %
aller Unfälle entstehen durch menschliches Versagen. 

Neben der Automatisierung treibt Bosch auch die Elektromobilität voran, die jedoch aktuellen Prognosen zufolge noch etwas auf sich warten lässt. Wie stellen Sie sich auf diese Übergangszeit ein?

Das stellt vor allem die Entwickler, die sich mit der Fahrzeugarchitektur beschäftigen, vor Herausforderungen. Ein Auto mit Verbrennungsmotor hat ein anderes Fahrverhalten als ein Elektrofahrzeug. Deshalb wollen wir ein Konzept für automatisiertes Fahren entwickeln, das unabhängig von der Antriebsart funktioniert. Denn der Elektroantrieb wird zwar kommen, der Markt für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor wird aber auf absehbare Zeit weiter wachsen, wie überhaupt die Anzahl der Fahrzeuge, die weltweit verkauft werden. Unseren Prognosen zufolge wird der Verbrennungsmotor auch noch weit über das Jahr 2025 hinaus das dominierende Antriebssystem bleiben. 

Apropos Fahrverhalten: In jedem Land herrschen andere Verkehrsregeln. Stellt Sie das nicht vor Probleme? Welche Märkte kommen überhaupt in Frage? 

Zunächst blicken wir auf Europa, Japan und die USA. Wenig später wird auch China dazukommen. Bei jedem Land müssen wir mit unseren Systemen das jeweilige Fahrverhalten und die Verkehrsregeln berücksichtigen, etwa, dass in Amerika auch rechts überholt wird. Das betrifft aber auch die Infrastruktur. In Deutschland haben wir beispielsweise das Problem, dass die Ampeln vor der Kreuzung stehen und nicht etwa über der Kreuzungsmitte hängen. Wir brauchen also eine Kamera, die steil nach oben schauen kann.

Skizzieren Sie Ihre persönliche Vision: Wie sieht Autofahren im Jahr 2030 aus?

Morgens informiert mich mein Wagen, wann ich losfahren soll, um pünktlich im Büro zu erscheinen. Mit meinem Smartphone beordere ich ihn aus der Garage vor meine Haustüre. Auf der Fahrt beantworte ich E-Mails oder schaue Nachrichten auf dem Bildschirm des Wagens an. Ich könnte mich auch ganz umdrehen und mit meinen Mitfahrern in einem Lounge-ähnlichen Ambiente konferieren. Eine andere Variante wäre, dass ich meinen Sitz weit nach hinten fahre und aus der Mittelkonsole ein Tischchen klappe, auf dem ich Bürokram erledige. Das sind jedoch Blicke in die Glaskugel. Was sich am Ende durchsetzt, ist ungewiss.  

Bisher verbinden wir mit dem Auto Freiheitsgefühl und Fahrspaß. Was bleibt davon, wenn das Auto künftig im gemächlichen Tempo von allein fährt? 

Wir werden Autos anders kennenlernen und wertschätzen, das steht fest. Denn durch die Zeit, die uns das Auto schenkt, werden sich zahlreiche neue Möglichkeiten eröffnen, um produktiv zu sein oder sich zu entspannen. Das wird den potenziellen Fahrspaß aber nicht beeinträchtigen. Wir können ja Freiheitsgefühle weiterhin ausleben, wenn wir auf Passstraßen unterwegs sind, indem wir in den klassischen Modus wechseln und selber lenken. Das automatisierte Fahren erweitert nur die Qualitäten eines Autos. Gut möglich, dass wir unsere Fahrzeuge in Zukunft noch viel umfassender nutzen werden. 

Technologien für automatisiertes Fahren

Das Bosch-Versuchsfahrzeug auf Basis eines Tesla Model S ist mit 50 zusätzlichen Bauteilen ausgestattet. Beispiele für die Bosch-Sensorik sind Fernbereichsradarsensoren, Mittelbereichsradarsensoren und die Stereo-Videokamera.

Connected_Mobility_2

Schritt für Schritt zum automatisierten Fahren

Die Fahrerassistenzsysteme für die Mobilität der Zukunft werden stufenweise ausgebaut und führen zu mehr Sicherheit.

PHASE 1
ASSISTIERTES
FAHREN UND PARKEN
Der Fahrer wird dabei unterstützt, sicher und komfortabel ans Ziel zu gelangen.

PHASE 2
TEILAUTOMATISIERTES
FAHREN UND PARKEN
Die Fahrerassistenzsysteme übernehmen in bestimmten Fahrsituationen die Längs- und Querführung des Autos. Sie müssen vom Fahrer permanent überwacht werden.

PHASE 3
HOCHAUTOMATISIERTES
FAHREN UND PARKEN
Der Fahrer kann die Verantwortung vorübergehend an das Auto abgeben. Er muss jedoch jederzeit in der Lage sein, die Kontrolle zu übernehmen.

PHASE 4
VOLLAUTOMATISIERTES
FAHREN UND PARKEN
Das System bewältigt alle Fahrsituationen. Eine Überwachung ist nicht nötig.

Way1_mobile Spurhalteassistent seit 2010 Park-/Lenkassistent seit 2008 Adaptive Abstands- und Geschwindig-keitsregelung ACC seit 2000
Way1_mobile Ferngesteuerter Parkassistent seit 2015 Ausweichassistent seit 2015 Notbremsassistent seit 2010
Way1_mobile Integrierte Spur- und Abstandsregelung 2017 Staupilot nach 2016 Stauassistent seit 2015
Way4_mobile Automatisiertes Valet-Parken ab 2018 Autobahnpilot 2020 Autobahnassistent 2018
Way5_mobile Autopilot nach 2025